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Erzählwerkstatt "Als ich nach Deutschland kam..." Reyhan Toker

Gastarbeiter aus der Türkei und Italien erzählen, wie sie in den 60-iger Jahren nach Deutschland kamen und eine Deutsche Seniorin berichtet, wie sie die Zuwanderung erlebt hat. In der ersten Folge dieser Artikelserie berichtet Reyhan Toker über ihre Erlebnisse:

 

reyhan toker erzaehlwerkstatt als ich nach deutschland kamReyhan Toker

Geboren am: 30.9.1935
Geburtsort: Istanbul
In Deutschland seit 30.9.1963
Grund der Einwanderung: Familienzusammenführung
Beruflicher Werdegang: Packerin bei Hageda, Mitarbeiterin im Kindergarten
Urlaubsort: Türkei

Reyhan Toker ist eine Dame geblieben, trotz aller Schwierigkeiten, die sie in ihrem Leben gemeistert hat. Mit einer freundlichen Zurückhaltung sitzt sie in der Runde und strahlt Ruhe und Würde aus. Gut gekleidet und gepflegt, ist sie zu jeder Sitzung der Erzählwerkstatt anwesend. Sie mischt sich ein, wenn sie etwas zu sagen hat und hört aufmerksam zu. Ruhig und überlegt erzählt sie schließlich ihre eigene Geschichte.

Guten Tag, mein Name ist Reyhan Toker. Ich bin am 30. September 1963 aus Istanbul nach Köln-Stammheim gekommen. Zuerst war mein Mann für 9 Monate allein hier. Er hat als Dolmetscher gearbeitet. Dann bin ich mit meinem Sohn nachgekommen.

Da stand sie nun, die stattliche Frau aus dem noblen Istanbuler Stadtteil Moda... gelandet im grauen Stammheim. Die Enttäuschung war groß. Reyhan Torker wusste vorher nicht, wie es in Deutschland ist. Für sie war die Lebensqualität hier viel niedriger, als in der Welt, in der sie bis dato gelebt hatte.

Ich dachte, wo bin ich hier? Stammheim war wie ein Dorf. Ich konnte nicht ohne Gummistiefel nach draußen gehen. Da war so viel Matsch und es war dunkel. Um uns herum nur Hochhäuser und die Ford-Werke.

Die Familie Toker bewohnte eine große, schöne Wohnung in einem Arbeiterwohnheim in Köln-Stammheim. Für damalige Verhältnisse waren fließend Wasser, eine eigene Toilette und Küche kein Standard. Doch dies konnte die junge Mutter nicht trösten. Die Türkin lebte in einem Haus voller Gastarbeiter, alles Männer. Der einzige Kontakt zu einer Frau bestand durch die Ehefrau des Heimleiters. Sie war Engländerin und dadurch, dass Reyhan eine gute Schule besucht hatte, konnte sie sich mit ihr auf Englisch verständigen.

Reyhan hatte Heimweh und fühlte sich in dieser Zeit nicht wohl in ihrer neuen Heimat. Ihrem Mann erzählte sie nichts davon.

Mit der Zeit wurden um das Gastarbeiterwohnheim Eigenheime gebaut. Endlich bekamen die Tokers richtige Nachbarn. Familien! So freundeten sie sich mit einer deutschen Familie an. Ihr Sohn bekam nun auch Spielkameraden und Reyhan gewöhnte sich langsam
in ihr neues Leben ein. Die Sprachbarrieren überwanden die Kinder „spielend“. Sie kamen gern. Schließlich konnte der kleine Junge in den Kindergarten gehen und sich somit in das Leben in Deutschland integrieren.Lange Reise in die Türkei, den Kofferraum voller Gepäck

Ich war zwei Jahre zu Hause. Für mich war das langweilig. Ich wollte arbeiten gehen. Nur wie arbeiten, ohne Arbeitserlaubnis? Das war ein Problem.

Durch einen glücklichen Umstand erfuhr Reyhan, dass sie, wenn sie bei Stollwerk in der Schokoladenfabrik arbeiten würde, eine Arbeitserlaubnis bekommen würde. Gesagt, getan. Auch wenn sie dort nicht lange blieb, fand sie später eine Stelle, wo sie gern arbeitete.
Die junge, gut gebildete Frau arbeitete als Packerin in einem Arzeneimittelgroßhandel. Elf Jahre lang blieb Reyhan dort, weil sie sich gut mit den Kolleginnen verstand.

Im gesamten Leben von Reyhan Toker spielen Freundschaften eine große Rolle. Ihre Familie war in Istanbul und sie sah sie nur in den Urlauben. Doch hier in Deutschland hat Reyhan viele Freundschaften, die sie seit vielen Jahren pflegt.

Als der Großhandel nach Bickendorf umgezogen ist, suchte sich Reyhan eine neue Arbeit. Sie fand eine Stelle in einem Kindergarten in der Arnsberger Straße. Hier bleib sie 19 Jahre lang, bis zu ihrem Rentenalter.

Ich habe so gern in dem Kindergarten gearbeitet. Ich habe alle Kinder geliebt, als wären sie meine eigenen. Egal ob deutsche, türkische, italienische und jugoslawische Kinder. Auch die Kolleginnen waren sehr nett.Wir waren wie eine Familie.

Als Reyhan 1978 in dem Kindergarten begann, war es ein Anliegen, dass die türkischen Kinder zwar deutsch lernen sollten, sie aber ihre Herkunft und Muttersprache nicht vergessen sollten. Aus diesem sinnigen Ansatz las Frau Toker Kindergeschichten mit ihnen. Deutsche wurden auf Türkisch erzählt und türkische auf Deutsch.

Viele Kinder von damals sprechen mich heute noch auf der Straße an. ‚Frau Toker,wie geht es ihnen?‘ Das ist schön.

Familie Toker vor einem WeihnachtsbaumZu ihrem Abschied veranstaltete der Kindergarten ein großes Fest. Die Freude und das Bedauern, dass sie an diesem, durch eine Krankheit, nur kurz anwesend sein konnte, steht ihr in den Augen geschrieben.

Die andere Seite von Reyhans Leben ist ihre eigene Familie. Ihr Sohn sollte erst in der Türkei bleiben, doch das wollte sie nicht.

Nein, ich gehe nicht ohne meinen Sohn nach Deutschland.

Ursprünglich war geplant, dass sie vier Jahre in Deutschland bleiben und dann zurück in die Türkei gehen. So dass Reyhans Sohn das Gymnasium besuchen konnte. Heute ist er 50 Jahre alt und ist Nachrichten-Techniker in Köln. Er hat hier studiert und seine Tochter macht gerade ihr Abitur. Sie ist Reyhans Liebling, auch wenn sie etwas frech ist, wie die stolze Oma schmunzelnd erzählt.

Ihre Urlaube haben die Tokers in der Türkei verbracht. Jedes Jahr. Der Abschied, nach dem ersten Urlaub, war für alle sehr schwer. Mittlerweile freut sich Reyhan auf Deutschland, wenn sie nach der langen Zeit in der Türkei, wieder zurückfährt.

In solch einem Urlaub in der Türkei, änderte sich das Leben von Reyhan Toker ganz plötzlich. Mit 53 Jahren verstarb ihr Ehemann unerwartet an einem Herzinfarkt.
Das Unglück traf die Familie wie ein Schlag.

Um mich herum war nur Dunkelheit. Ich bin 2 ½ Jahre lang abends um 5 Uhr ans Fenster gegangen und habe auf meinenMann gewartet. Dann sagte ich mir, nein mein Mann ist schon gestorben. Er kommt nicht mehr.

Es fiel Reyhan schwer darüber zu reden, doch sie erzählte es uns. Bis sich langsam wieder dieses warme Leuchten in ihren Augen abzeichnete. Denn das Leben geht weiter und Reyhan hat weiter gemacht. Sie ließ sich eine Festanstellung im Kindergarten geben
und unterstützte ihren Sohn dabei, eine Familie zu gründen. Er hat studiert und arbeitet in Köln.

Ich habe eine sehr nette Schwiegertochter und meine Enkelin ist mein Schatz.

Reyhan ist heute 75 Jahre alt. Sie ist sehr aktiv. Seit 8 Jahren besucht sie regelmäßig den Seniorentreff der AWO in der Dünnwalder Straße.
Reyhan Toker nimmt an dem Projekt „Leseomas“ teil. Hier kann sie nun wieder Kindern Geschichten vorlesen und erzählen.

Der Weg von Reyhan Toker ist gezeichnet von Veränderungen. Sie hat viel aufgegeben und gehen lassen müssen. Doch sie hat sich immer wieder mit ihrem Schicksal abgefunden, weitergemacht und neuen Mut geschöpft.

Jetzt bin ich sehr zufrieden mit meinem Leben und bin glücklich. Ich habe eine gute Familie und viele Freunde. Ich liebe sie alle.Und 3 bis 4Monate im Jahr fahre ich in die Türkei. Ich bin seit über 47 Jahren in Deutschland, nun habe ich in einer halben Stunde alles erzählt. Wenn man ein Buch darüber schreiben würde, wäre es ein dickes Buch.

als ich nach deutschlandWeitere Geschichten finden Sie hier: Erzählwerkstatt "Als ich nach Deutschland kam..."

Die Geschichten der Erzählwerkstatt "Als ich nach Deutschland kam..." sind außerdem in einer Broschüre erschienen.
Herausgeberin ist Arbeiterwohlfahrt, Kreisverband Köln e.V., Frau Ulli Volland-Dörmann, Rubensstr. 7-13, 50676 Köln
Layout: GNN-Verlag Köln

Die Broschüre finden Sie in zahlreichen Begegnungsorten in Mülheim ausgelegt. Oder Sie können sie direkt im IFS - Interkulturelles Forum für Senioren, in der Dünnwalder Str. 5, 51063 Köln-Mülheim bekommen.
Öffnungszeiten: Dienstag - Donnerstag: 14.00 - 16.00 Uhr


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